U-Bahn: Das Senftrauma

Mir saß ein zahnloser Vertreter des Lumpenproletariats gegenüber. Der Mann war schon alt, seine schrumpeligen Lippen bogen sich um 90 Grad in seinen Mund, so dass sie waagerecht auf seinem Zahnfleisch lagen. Insgesamt war es jedoch ein sauberer, gepflegter Schrumpelmund, mit dem der Mann richtig niedlich lächeln konnte.

Am anderen Ende des Waggons schrie ein über zwei Meter langer, dünner Physiker seinem Kollegen schon seit einigen Stationen etwas über eine bevorstehende Präsentation ins Gesicht. Die Inferstusion müsse noch mit der Unschärfe des Quantonofonium-Effektes verrechnet werden und der gleichen. Dem Kollegen war die Lautstärke peinlich, jeder im Waggon hatte schon mehrmals zu den beiden rüber geguckt.

Er hatte aber nicht den Mumm, seinem langen Gegenüber zu sagen, dass er gefälligst nicht den ganzen Wagen zusammenschreien soll. Stattdessen flüsterte er demonstrativ.

Der alte Mann aus der A-Bevölkerung, wie Stadtplaner die Unterschicht oft völlig unverantwortlich nennen (Alte, Arme, Arbeitslose, Asylbewerber, Abhängige), nahm den langen und lauten Physiker als Einstieg zu einem kleinen Plausch. Normalerweise fangen Menschen, die sich unbekannt sind, in der Münchener U-Bahn nie einfach so einen Plausch an.

Menschen der Lazarusschicht, um noch eine weitere Variante des Wortes Unterschicht zu bringen, sind dagegen oft recht redselig, was meistens irgendwie mit Schnaps zusammenhängt. Obwohl ich nicht glaube, dass der Zahnlose besoffen war. Er sagte niedlich lächelnd: "Und da müssen die anderen noch extra für mitbezahlen, für das was der Lange sagt." Dass ich Kopfhörer in den Ohren hatte war ihm entweder egal, oder nicht bewusst. Ich nahm sie raus.

Und wenn der Mann auch im Moment nicht besoffen war, ließen die schrägen Sinnzusammenhänge seiner Aussagen vermuten, dass er zumindest früher mal pathogen gebechert hat. "Ja, mitbezahlen", sagte ich und der Zahnlose freute sich über seinen Zuhörer. "Und der sagt aber nichts über Fussball und trotzdem muss man bezahlen", fuhr er fort. "Ist heut Fußball?" "Läuft gerade", sagte ich, "München führt 2:0 gegen Frankfurt".

"Siehste, und so teuer sind die Eintrittskarten", sagte der Zahnlose, der sich erstaunlich deutlich artikulieren konnte, "so teuer, dass man da nur mit Porsche reinkommt". "Nun ja", sagte ich, "man kann auch mit der U-Bahn fahren". "Ich geh seit 40 Jahren nicht mehr zum Fußball", sagte er eifrig. "Seit der meinem Unfall mit dem Senf." "Ja!", sagte er langgezogen, hob die Augenbrauen begann die Geschichte mit dem Senf zu erzählen.

Damals, als er vor 40 Jahren das erste Mal bei einem Kreisligaspiel war, trug er einen Wintermantel, den er auf Pump gekauft hatte. "Es war ja Winter, ich konnte doch nicht erfrieren!" Und: "Damals ging das ja noch auf Raten, das war ja ein Ratenkauf!" Doch als er nach dem Spiel nach Hause kam, merkte er, dass auf seinem Mantel ein Senffleck war.

"Verrückt, diese Senftuben, ganz verrückt!" Wirklich verrückt war, dass der Senffleck nicht rauswaschbar war. "Aber Senf lässt sich doch irgendwie rauswaschen", warf ich ein. "Nein", beteuerte er, "der nicht!" Er war damals um den Mantel sehr besorgt gewesen, es war doch ein Ratenkauf. "Ich hab mir dann die Farbe des Mantels besorgt, und damit den Senffleck übergemalt", sagte der Zahnlose, "doch das war mir eine Lehre: Ich bin seitdem NIE mehr ins Stadion gegangen!"

Kommentare

Pastor Anke am Mo., 18.12.2006 - 01:42

Und wieder eine der Geschichten, die vor Ignoranz und Vorurteilen nur so strotzt.
Geschrieben wie eine Torte mit Zuckerguss, bei dem die meisten nicht merken, dass man sofort Blitzkaries bekommt, weil er doch so süßlich ist.
Natürlich gibt es Menschen, die in einer schwierigen Lage sind, manche mögen selbstverschuldet da hinein geraten sein, die meisten unverschuldet. Sich in so einer Art und Weise über diese Menschen zu überhöhen, das zeugt wirklich von wenig Fähigkeit zur Perspektivenübernahme. Wozu diese litaneiartigen Beschreibungen von Menschen, die in den Augen des Verfassers anscheinend unter seinem vermeintlich hohen Niveau sind? Was soll der Mehrwert dieser Geschichte sein? Dass, wie in jeder Geschichte des Verfassers, gebetsmühlenartig wiederholt wird, wie viele "schlechte" und "unwürdige" Personen sich in den U-Bhahnen aufhalten? Und auch noch die Dreistigkeit besitzen, dem Verfasser zu beläastigen. Oder muss der Verfasser nur jedes mal herausstreichen, was für ein bedeutend besserer Mensch er sei?
Im Gegensatz zu dem "Lumpenroletariat" ist dieses mentale Prekariat des Verfassers wirklich peinlich. Denn ein Mensch, der von den meisten Teilen der Gesellschaft verstossen wurde, hat nicht mehr die unzähligen Möglichkeiten der Rückintegration. Bei dem äußerst kurzen Horizont des Verfassers sieht es anders aus. Wenn er doch mal gewollt wäre, sich mit den Dingen, über die er hier so schwadroniert, mal ernsthaft auseinanderzusetzen, mal darüber nachzudenken und von seinem vermeintlich hohen gedanklichen Ross herunterzusteigen.

Diese Dualität "Versager" vs. "Verfasser, der tolle Typ und Checker "ist weder amüsierend, noch hat es in irgendeiner Form einen Mehrwert.

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